Erziehungslehren, Ratgeber und Co. // Warum wir aus der Kindererziehung keine Wissenschaft machen


Bevor man Kinder bekommt, hat man ja überhaupt keine Ahnung, in was für eine absolut verrückte Welt man da eintaucht. Jetzt mal abgesehen von der persönlichen Lebenssituation, die sich mit einem Schlag für immer grundlegend verändert - das allein ist ja schon verrückt genug! Die Rede ist heute aber eher von den anderen Leuten, die sich entweder in einer ähnlichen Situation befinden, oder diese verrückte neue Welt prägen, in der man sich ab dem Moment bewegt: andere Eltern, Erziehungs-Experten, Ratgeber-Leser, Weisheiten-Wisser, Stillbefürworter, Bindungsforscher, Impfgegner, Schlaftrainer, Familienblogger... die Liste ist endlos. Jeder hat eine andere Meinung, etwas wichtiges beizutragen und weiß selbstverständlich, wie der Hase läuft. Es gibt zu jedem Thema tausend Texte, tausend Ansätze und viel Diskussion. Plötzlich wird man mit Begrifflichkeiten wie Attachment Parenting konfrontiert (hä, what?), man muss zu Themen wie Babybett/Familienbett, Tragetuch/Kinderwagen, Stillen/nicht Stillen, Brei/Baby-Led Weaning (nochmal: HÄ?) Stellung beziehen und ich dachte mir währenddessen ziemlich schnell: Ihr seid doch alle komplett Banane! Ich denke ja gar nicht daran, diesen Zirkus mitzumachen. Und ich lasse mich schon gar nicht in irgendwelche Schubladen stecken.  

Für mich hat das Leben mit Kind etwas komplett natürliches und intuitives. Immer schon. Ich hatte nie das Bedürfnis, irgendwelche Ratgeber zu lesen, oder permanent irgendwelche Theorien zu verinnerlichen. Ich mache Liebe und Geborgenheit auch nicht an Dingen wie einem Tragetuch fest. Mir reicht es, Floh jeden Tag zu erleben, ihn zu beobachten, entsprechend auf seine Bedürfnisse einzugehen, ihn einfach lieb zu haben - ganz ohne Input von außen, ganz ohne Anleitung, unbedarfter. Er gibt mir im Prinzip alle Signale, die ich brauche: Hunger, Durst, Aua, miese Stimmung, volle Windel, Kuschellaune, schlechter Traum. Natürlich braucht das etwas Übung und auch wir wussten am Anfang nicht immer ganz genau, warum er manchmal nicht aufhört zu weinen, aber mit der Zeit lernt man das alles und es ist tatsächlich kein Hexenwerk. Manchmal sind Kinder übrigens auch grundlos schlecht drauf. So wie wir auch. That's life!

Was mich an diesen ganzen Erziehungslehren und Ratgebern stört ist, dass sie scheinbar für jedes Problem eine Lösung parat haben, einem für alles eine Art Anleitung bieten wollen und Dinge auf eine mir persönlich zu dogmatische Art und Weise zusammenfassen. Ich bin eher der Meinung, dass es für ein Kind, welches absolut einzigartig und individuell ist, gar keine Anleitung geben kann. Und auch nicht muss. Ich finde es vollkommen okay, als Eltern auch mal verunsichert zu sein und keine Antwort zu wissen. Das gehört dazu. Und es sollte uns doch höchstens motivieren, vielleicht ein wenig mehr auf unser Bauchgefühl und unseren eigenen Verstand zu hören, oder unser Kind genauer kennenzulernen.

Viele Dinge, sei es das Schlafverhalten des Babys oder die Ernährung, sind in der verrückten Welt der Eltern eine absolute Glaubensfrage, über die schon tausende Bücher geschrieben wurden und über die gerne heftigst diskutiert, sogar gestritten wird. So banal diese Dinge für Außenstehende, also nicht-Eltern, auch klingen mögen. So würde es ja den meisten unter uns auch nicht in den Sinn kommen, Passanten plötzlich böse auf der Straße anzuschauen, weil sie falsch von ihrer Banane abgebissen haben. Oder jemandem die Freundschaft zu kündigen, weil er lieber auf einer Taschenfederkernmatratze schläft. Ich glaube, das illustriert diese absurden Glaubenskriege über Dinge, die eigentlich niemanden sonst etwas angehen, ganz gut... Und viele Erziehungsphilosophien usw. (oder eher die Art und Weise, wie sie ausgelegt werden!) verschlimmern meines Erachtens dieses Schwarz-Weiß-Denken nur noch weiter, das in der Welt der Eltern ohnehin schon ein großes Problem ist. Es kann doch nicht nur einen richtigen Weg geben. Man sollte diese Dinge immer kritisch hinterfragen, sie niemals als einzige richtige Lösung hinnehmen und stets im Hinterkopf behalten, dass die Welt bunt und vielfältig ist - und das in Wirklichkeit doch total schön ist.

Eine Philosophie, die momentan in aller Munde ist: Attachment Parenting. So von der Grundaussage absolut nicht verkehrt: Schenke deinem Kind viel Liebe, Geborgenheit und Nähe, geh auf seine Bedürfnisse ein. Aber macht man das denn nicht automatisch? Muss man dafür unbedingt einer ganzen Bewegung "angehören", gemeinsam mit seinen Kindern in einem Bett schlafen, stillen, ein Tragetuch kaufen, so wie es die Grundpfeiler der Philosophie vorgeben? (Viele leben das so und wiederum andere sehen das natürlich nicht ganz so eng, legen die Philosophie auch anders aus und passen sie an ihren Lebensstil an. Manche finden die Grundidee einfach nur schön). Aber wenn man Komponenten wie das Familienbett und das Tragetuch ausklammert - braucht ein liebevoller Umgang mit seinen Kindern dann überhaupt ein derartiges Label? Und was ist eigentlich das Gegenteil von Attachment Parenting? Lauern auf der anderen Seite etwa Rabenmütter, die ihre Kinder lieblos behandeln und nicht auf ihre Bedürfnisse eingehen? Könnte man meinen, wenn man sich durch manche Texte liest. Aber ist es denn wirklich immer so Schwarz und Weiß? Sollte nicht jeder von vornherein einfach seinen ganz eigenen Weg gehen? Kann in Wirklichkeit vielleicht auch nur das Kind vorgeben was es von einem braucht und nicht irgendeine Ideologie und die damit verbundenen Wunschvorstellungen der Eltern? Das sind nur ein paar meiner Gedanken und einige Fragen, die ich mir ab und an zu der Thematik stelle. Wie ihr seht, gibt es da viele Richtungen, in die man diskutieren könnte. Aber für mich steht fest: Wenn man sein Kind beobachtet und jeden Tag besser kennenlernt, merkt man ganz schnell von alleine, was es braucht - auch ganz ohne Attachment Parenting und dergleichen.

Ich muss auch immer schmunzeln, wenn es um das berühmte Buch "Oje, ich wachse" geht, in dem die Entwicklung des Babys in verschiedene "Schübe" oder "Sprünge" eingeteilt wird. Die Infos sind ja tatsächlich ab und zu ganz interessant (ich habe mal darin geblättert), aber wenn ich andere Eltern höre, die jegliches Verhalten ihrer Kinder auf irgendwelche Schübe zurückführen, irritiert mich das schon ein wenig. Ich finde, man muss auch akzeptieren können, dass es nicht immer für alles eine einfache Lösung oder eine eindeutige Ursache gibt. Und ich meine das überhaupt nicht böse und verurteile auch niemanden, der darauf schwört - also bitte nicht falsch verstehen. Mir persönlich ist es nur einfach fremd und ich kann damit nicht so furchtbar viel anfangen. Davon abgesehen, dass die Sprünge/Schübe bei Florian NIE gepasst haben. Und zwar kein einziges Mal - nicht mal ansatzweise. Ich konnte mir daraus einfach keinen Reim machen.

Ich frage mich einfach oft, warum bei unseren Kindern alles bis ins letzte Detail analysiert und nachgelesen wird, jede Einzelheit auf die Goldwaage gelegt wird. Wieso wird so ein riesiges Theater um alles gemacht? Warum ist in der Welt der Eltern alles so extrem? Warum sind die Menschen oftmals so festgefahren in ihren Überzeugungen nehmen alles so furchtbar ernst? Vielleicht weil uns unsere Kinder so wahnsinnig wichtig sind und wir die Bestätigung brauchen, dass wir auch alles richtig tun. Vielleicht vermitteln diese ganzen Ratgeber und Erziehungslehren auch ein Gefühl von Sicherheit - ein Gefühl, das junge Eltern ja oft dringend brauchen. So nach dem Motto Ich habe alles gemacht, wie es in diesem Buch steht - also muss es einfach richtig sein. Ich bin eine gute Mutter. Vielleicht verleiten uns aber gerade diese Konstrukte dazu, nicht mehr frei im Kopf zu sein. Wisst ihr, was ich meine? Ist man nicht viel unvoreingenommener und flexibler, wenn man weniger gelesen hat, weniger erwartet? Kann man so nicht vielleicht sogar viel besser auf sein Kind eingehen? Und ist man nicht vielleicht viel gelassener, wenn man eben nicht aus jedem Aspekt des familiären Zusammenlebens eine Wissenschaft macht?  Für mich war das schon immer der einzige logische Weg, aber auch ich möchte andere Familien nicht für ihre Entscheidungen verurteilen. Denn das wäre ja genau einer der Punkte, die ich - wenn auch augenzwinkernd - kritisiere.

Was ich jedoch gerne anstoßen würde, wäre mehr Gelassenheit in allen Bereichen. Verlasst euch wieder mehr auf euer Bauchgefühl und euren Verstand. Bleibt offen und flexibel. Auch anderen  Familien gegenüber, die es vielleicht komplett anders, aber deswegen nicht gleich falsch machen. Und denkt ab und zu mal an den Vergleich mit der Taschenfederkernmatratze 😅

Wie seht ihr das Ganze denn? Wollt ihr euren Senf dazugeben? Ich freue mich immer, von euch zu hören. Egal welcher Meinung ihr seid!

Alles Liebe
Eure Stilblume

Kommentare

  1. Toll geschrieben - du bringst es einfach auf den Punkt und das auf eine sehr vorsichtige und diplomatische Art und Weise - was vielen bei so heiklen Themen nicht gelingt.

    Diese ganze Attachment Parenting Bewegung sehe ich persönlich sehr kritisch. Ähnlich wie du finde ich, dass man das einfach alles nicht braucht. Wieso muss man Bücher darüber lesen, dass es vielleicht eine ganz sinnvolle Idee ist, auf die Bedürfnisse seines Kindes einzugehen? Wer das nicht tut, sollte vermutlich vom Jugendamt etwas genauer unter die Lupe genommen werden. Die Liebe und Fürsorge für sein Kind allerdings an Grundpfeilern wie Stillen, Tragen und dem Familienbett festzumachen erscheint mir einfach etwas merkwürdig . Darum geht es doch gar nicht. Ich hatte mein Kind weder permanent in einer Trage oder einem Tuch, noch mit bei uns im Bett und denke, dass ich es trotzdem sehr liebevoll großgezogen habe. Totaler Blödsinn. Ich denke, dass es sich einfach um einen Trend handelt, aber Trends kommen und gehen. Wenn man wie du normal, liebevoll, pragmatisch und mit einer Prise Verstand mit seinem Kind umgeht, macht man meiner Meinung nach auf jeden Fall nichts falsch. Ach, du bist so wunderbar entspannt. Es gibt sooooo wenige Blogs, die sich nicht nur um Attachment Parenting und so weiter drehen - das hier ist echt eine Erfrischung!!! Mach weiter so!

    Liebe Grüße! Jana (eine sonst stille Leserin)

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    1. Danke für deinen Kommentar, liebe Jana!

      Ja - wie schon in meinem Text geschildert - ich sehe Attachment Parenting allgemein sehr positiv, bzw. die Grundidee, die dahintersteckt. Allerdings betrachte auch ich die "Regeln" bezüglich Familienbett, Stillen, etc. etwas kritisch. Das eine hat für mich mit dem anderen nicht unbedingt etwas zu tun.

      Liebe Grüße!
      Julia

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  2. Danke für diesen tollen Text! Wie recht du doch hast. Ich habe selbst zwei kleine Kinder und bin gerne auf deiner Seite unterwegs, weil du so locker bist, nicht jedes Theater mitmachst und dir auf gut Deutsch "nichts scheißt".... haha. Dabei bist du aber niemals fies, sondern einfach sympathisch. Das tut gut.
    Ich habe das Buch Oje ich wachse zur zweiten Geburt geschenkt bekommen und dachte zwischenzeitlich fast schon, mit meinem Kleinsten stimmt etwas nicht, weil die Sprünge einfach nicht gepasst haben. Oh Mann. Vielleicht muss man wirklich ganz fest daran glauben!?

    Grüße aus dem schönen Hannover,
    Luise

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    1. Hey Luise!

      Keine Panik, war ja bei uns auch so... haha. Und Florian hat sich trotzdem in einem ganz normalen Tempo entwickelt :-D

      Ich find's prima, wenn Eltern ihren Nutzen aus dem Buch ziehen können - für uns war es einfach irgendwie nichts...

      Liebe Grüße
      Julia

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  3. Letztens beim Mutter-Kind-Sport hat mich eine andere Mami ganz entsetzt gefragt, ob ich denn meine Tochter nicht im Tuch tragen würde. Ich hab die Frage überhaupt nicht verstanden. Nach deinem Text bin ich nun etwas schlauer. Ich dachte immer, man kann die Teile kaufen, oder halt eben nicht. Dass da eine ganze Philosophie und Bewegung dahintersteckt, wäre mir ja nie in den Sinn gekommen? Weird.

    LG,

    Tamara

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    1. Hi Tamara,

      ja genau das stört mich einfach oft unglaublich. Erstens: Was geht es andere Menschen an, wie du dein Kind transportierst? Zweitens: Wieso ist das Tragetuch immer gleich die liebevollere Version?

      Liebe Grüße,
      Julia

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  4. Allgemein gebe ich dir absolut recht! Allerdings hatte unser Sohn während seiner diversen Trotzphasen wahnsinnig zu kämpfen (wir natürlich auch...) und da hatte ich mir mal ein Buch zu dem Thema besorgt. War ganz interessant, aber ließ sich auch nicht immer alles so umsetzen und in den eigenen Alltag integrieren...

    Liebste Grüße
    Charlotte

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    1. Von ersten Trotzphasen kann ich inzwischen auch ein Lied singen... Holla, die Waldfee! Haha!!!

      LG, Julia

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  5. Interessanter Beitrag! Ich habe das Sears Buch zu Attachment Parenting gelesen und finde die Grundsätze ganz gut. Aber ich wende das alles nicht so dogmatisch an wie viele andere - man kann alles echt auch übertreiben. Zum Beispiel finde ich das Familienbett nicht gut - wir wollen unsere Kinder nicht mit bei uns im Bett haben. Und es ist mir auch egal, wie andere das handhaben mit der Erziehung. Ich verurteile niemanden für seine Entscheidungen. Aber viele sind da echt etwas intolerant. Total schade!

    LG, Hannah

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  6. Ja, die Grundidee ist auch einfach richtig, finde ich. Was ist an Liebe und Geborgenheit schon verkehrt?

    Liebe Grüße
    Julia

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